Flucht und Vertreibung aus Pinnow 1944 – 1947, Zeitzeugenbericht von Eckard Schmechel

Über die Flucht und Vertreibung ab 1944 aus Pinnow gibt es einen sehr ausführlichen Zeitzeugenbericht von Eckard Schmechel, geb. 4.1.1936 in Pinnow, gest. 19.4.2011 in Gütersloh, siehe auch sein Interview zu seinem Buch „Der Kreis Regenwalde in Pommern“). Mein Schwiegervater Horst Kurth, geb. 1932, und Eckard Schmechel (und auch seinen älteren Bruder Hans-Jürgen Schmechel, geb. 1933) kannten sich aus der gemeinsamen Kindheit in Pinnow, haben nach der Vertreibung allerdings nie wieder Kontakt zueinander gehabt. Hans-Jürgen berichtete mir, dass er zusammen mit dem Poststellenverwalter Hackbarth, seinem Onkel, in Charlottenhof war, um die Post auszuteilen.

Mit freundlicher Genehmigung von Eckhard Schmechsel’s Ehefrau Irmgard habe ich den Zeitzeugenbericht in diesem Beitrag auch noch einmal eingefügt, weil er in großen Zügen mit den Erzählungen meines Schwiegervaters übereinstimmt  (Quelle: www.zeitzeugenforum.de).

„Flucht und Vertreibung , Pommern 1944 – 1947

Aus der Erinnerung heraus – ohne irgendwelche schriftlichen Dokumentationen – möchte ich unter Berücksichtigung der jeweils politischen Verhältnisse, die Begebenheiten und Ereignisse, die mein Leben geprägt haben, festhalten. Vielleicht sind diese Aufzeichnungen auch für spätere Generationen interessant.

Ausgangspunkt ist der Ort Pinnow im Kr. Regenwalde, in dem ich auch geboren wurde. Dieser Ort liegt an der ehemaligen Reichsstraße Stettin-Danzig. Entfernung nach Stettin als ehemalige Landeshauptstadt ca. 90 km. Ein Dorf, eingebettet in eine hügelige Moränenlandschaft mit viel Wald, Wiesen, Seen und Feldfluren. Die Ostsee mit herrlichen Badestränden war nur ca. 35 km entfernt. Kolberg mag für viele Badeorte nur ein Beispiel sein. Die Provinz war in starkem Maße vom Preußentum geprägt: bodenständig, weitgehend konservativ, sparsam, fleißig.

Ernst Moritz Arndt (1769-1860) beurteilte die Pommern so:

Die Masse des Volkes ist herzhaft; im Ackerbau und bei jeder schweren Arbeit, auf der See und im Kriege tut es auch mehr als die meisten Deutschen, die ich arbeiten gesehen habe.

Friedrich der Große („Der Alte Fritz“) gibt eine etwas abweichende Beurteilung ab. Der Pommer kann auch sehr stur sein. Musste der Preußenkönig doch mit aller Macht im 18. Jh. den Kartoffelanbau einführen. So schnell waren die bodenständigen Bauern nicht zu überzeugen! Landwirtschaft, Tourismus, Fischfang und der Seehafen Stettin waren dominierend. Industrie und Gewerbe spielten daran gemessen eine untergeordnete Rolle.

Diese einleitenden Hinweise mögen manch spätere Verhaltensweise der Bewohner etwas verständlicher machen. Geboren und aufgewachsen in den ersten Lebensjahren bin ich in einer sehr friedvollen Umgebung. Meine Eltern hatte ein gutgehendes Lebensmittelgeschäft in einem von der Landwirtschaft geprägten Ort mit 605 Einwohnern im Jahre 1939.

Meine Erinnerungen gehen zurück bis zur Einschulung im Jahre 1942. Die Volksschule umfasste nur 2 Klassenräume, so dass in einem Schulzimmer vier Jahrgänge untergebracht waren. Welche Disziplin war wohl erforderlich, um vier verschiedene Unterrichtsstoffe in einer Klasse aus Gruppen von ca. 7 – 10 Schülern zu vermitteln. Mein Großvater väterlicherseits war bis 1933 Volksschullehrer: es muss ihm wohl gelungen sein, nach Aussagen meiner Mutter. Sie konnte damals nicht ahnen, dass er mal ihr Schwiegervater werden würde. Ich kann mich erinnern: Sie hat ihm einiges heimgezahlt! Wir Kinder haben von seiner Strenge nichts mehr zu spüren bekommen. Er war ein gütiger Großvater.

Aufgewachsen sind mein Bruder und ich ohne erzieherische Maßnahmen meines Vaters, denn er wurde kurz nach Ausbruch des 2. Weltkrieges 1939 zur Rekrutenausbildung nach Schivelbein eingezogen. Nach Fronteinsätzen als Sanitäter in Belgien und Frankreich kehrte er erst im Januar 1948 aus amerikanischer Gefangenschaft mit einem großen PW – Prisoner of War – auf dem Rücken und einem Seesack über der Schulter, gefüllt u.a. mit Pferdefleischkonserven, Kaffee, Pfeffer u.ä., Köstlichkeiten und Tauschobjekte zur damaligen Zeit, zu uns zurück. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir Pinnow bereits verlassen und wohnten seit Oktober 1947 in Schwanebeck. Doch dazu später.

Vom Kriegsgeschehen erfuhren wir Kinder in den Anfangsjahren sehr wenig. Die ersten 2-3 Jahre verliefen, militärisch gesehen, sehr erfolgreich. Wer ging davon aus, dass wir diesen Krieg verlieren könnten? Bei den propagandistischen Erfolgsmeldungen bis zur Schlacht um Stalingrad im Winter 1942/43! Zu diesem Zeitpunkt trat die Wende ein. Über den Volksempfänger wurde uns von Goebbels eingehämmert, dass wir auch weiterhin siegreich sein würden. Doch die Zweifel und die Anspannung waren meinem Großvater, der ein Anhänger des Nationalsozialismus war, ins Gesicht geschrieben. Gespannt wurden die Nachrichten im Radio mehrmals am Tag verfolgt.

Doch wir Kinder und auch die meisten Erwachsenen unterlagen keinerlei Einschränkungen. Schmerzlich waren jedoch die Nachrichten für die Familien, die einen Angehörigen, ob Vater oder Sohn, an der Front verloren hatten. Auch die Meldung über Verwundete sorgte in mancher Familie für Tränen und Zweifel über den Sinn dieser Krieges traten in den Vordergrund. Die Schwester meiner Mutter war für die Poststelle in Pinnow zuständig. Jeder ausgetragene Feldpostbrief wurde von den Angehörigen zwischen Hoffen und Bangen geöffnet.

Bis zum Jahre 1944 war uns nicht bewusst, dass wir unser geliebtes Heimatland einmal verlassen müssten, obwohl es in den Konferenzen der späteren Siegermächte schon längst beschlossene Sache war. Spätestens Anfang des Jahre 1945, als die russische Armee die Reichsgrenze im Osten überschritten hatte, war allen bewusst: der Krieg ist nicht mehr zu gewinnen. Alle Durchhalteparolen waren nutzlos. Bereits im Januar und besonders im Februar des gleichen Jahres zogen durch unser Dorf endlose Trecks aus Ostpreußen. Menschen, die flohen oder bereits von der Roten Armee „überrollt“ wurden. Das Notwendigste an Hab und Gut auf Pferde- und Handwagen mühselig verpackt, bewegte sich eine nicht enden wollende Menschen- und Fahrzeugkolonne Richtung Westen. Unser Schicksal war offenkundig: auch wir hatten uns auf eine Flucht Richtung Westen vorzubereiten.

In der Nähe von Pinnow gab es einen Militärflugplatz. Nach gründlicher Zerstörung wurde von deutschen Soldaten dieser Stützpunkt aufgegeben. Da wir in unserer Garage einen alten DKW, Baujahr 1934, deponiert hatten – er wurde seit der Einberufung meines Vaters nicht mehr benutzt – bot man meiner Mutter an, uns im Schlepp Richtung Westen mitzunehmen. Meine Mutter hatte keine Fahrerlaubnis. Nach reichlicher Überlegung hat sie abgelehnt. Ein guter Entschluss, wie sich später herausstellte. Das deutsche Militär hat sich im Hinblick auf die heranrückenden Russen solchen „Ballastes“ schnell entledigt. Mit anderen Worten: man wurde abgekoppelt und blieb am Straßenrand liegen.

Was war also zu tun? Vorbereitet wurde ein Pferdewagen, auf dem die notwendigsten Habseligkeiten verstaut wurden. Die Schwester meiner Mutter besaß ein solches Fuhrwerk. In der kleinen Landwirtschaft war allerdings nur ein Einspänner vorhanden. Die meisten Bewohner haben Haus und Hof auf diese Art und Weise verlassen. Sie erreichten Mecklenburg und teilweise Holstein, bevor die Rote Armee einmarschierte.

Es war eine sehr strapaziöse und verlustreiche Flucht: Radbrüche, lahmende Pferde, Plünderungen, waren tagtägliche Erscheinungen. Alte Leute und Kinder durften auf dem Wagen Platz nehmen. Alle übrigen Personen gingen überwiegend zu Fuß. Oft blieben die Fuhrwerke auch im aufgeweichten Boden der Feldwege stecken. Bilder des Schreckens waren allgegenwärtig. Auch die Flucht über das Eis der Ostsee per Pferd und Wagen oder per Schiff wurde für viele eine Fahrt in den Tod. Pferdefuhrwerke brachen im Eis ein, das Fahrgastschiff Wilhelm Gustloff wurde durch drei Torpedos aus einem russischen U-Boot getroffen und versank innerhalb von 60 Minuten in der eiskalten Ostsee bei ca. 1-2° C. Über 9000 Menschen fanden in den eisigen Fluten den Tod. Darunter war eine große Anzahl von Kindern.

Doch nun zu unserem eigenen Schicksal:

Wir hatten nicht den Mut, unseren Heimatort in eine ungewisse Zukunft zu verlassen, obwohl alle Vorbereitungen dafür getroffen waren. Ein offizieller Befehl existierte nicht. Wir hatten erfahren, dass der Einmarsch der Roten Armee durch Panzerverbände unmittelbar bevorstand. Die Chance, Ende Februar noch in den Westen zu entkommen, war zu diesem Zeitpunkt äußerst gering, zumal die Straßen durch Trecks aus Ostpreußen und dem östlichen Hinterpommern sowie abrückendes Militär weitgehend verstopft waren.

Da die Panzerverbände über die Reichsstraße 2 aus östlicher Richtung auf Pinnow zukamen, flüchteten viele Pinower, wie auch wir, mit dem Pferdewagen, der – wie bereits erwähnt – vorbereitet war, zu den sogenannten Ausbauten. Es handelte sich hier um verstreut liegende bäuerliche Anwesen, zu denen nur Feldwege hinführten. Wir konnten mit weiteren Personen aus Pinnow auf einem Bauernhof , ca. 2-3 km von Pinnow entfernt, unterkommen.

Am 3. März marschierten die Russen in Pinnow ein. Der Ort wurde kampflos übergeben. Eine sogenannte Panzersperre, die auf der Brücke des Pinnower Baches zuvor vom Volkssturm errichtet worden war, brach unter den Panzerketten sofort in sich zusammen, bestand sie doch nur aus notdürftig zusammengetragenen Ackergeräten. Wer wollte damit den „Durchbruch“ in unseren Ort verhindern? Die „Strafe“ erfolgte dennoch umgehend: das Haus meiner Großeltern – das dritte Haus am Ortseingang – erhielt einen Volltreffer (Durchschuss). Zum Glück war niemand mehr im Hause.

Am Ortsausgang Richtung Westen wurde die altlutherische Kirche getroffen und weitgehend zerstört, so dass sie ca. 10 Jahre später total abgerissen werden musste. Viele Häuser wurden natürlich durchstöbert und ausgeplündert. Das war auch in unserem Lebensmittelgeschäft der Fall. Das Vieh wurde auf den Höfen unversorgt zurückgelassen, also ohne Futter und ohne dass die Kühe gemolken wurden. Das Blöken war oft weithin zu hören. Auf den Ausbauten waren wir in keiner Weise in Sicherheit. Hof für Hof wurde von den russischen Soldaten eingenommen und durchsucht. Jeder Widerstand führte zwanglos zur Erschießung. Es herrschte Kriegsrecht!

Hier auf dem Bauernhof kamen wir erstmals mit den Soldaten der Roten Armee in Berührung. Zunächst wurden wir alle in den größten Raum zusammengetrieben. Von Vergewaltigungen junger Frauen oder auch minderjährigen Mädchen aus unserem Kreise ist mir als Kind nichts bekannt geworden, obwohl sie an der „Tagesordnung“ waren. Mit uns Kindern sprachen die Erwachsenen auch nicht darüber. Vielmehr wurde sofort nach dem Eigentümer des bäuerlichen Anwesens gefragt. Uns allen war bekannt, dass es sich um ein Mitglied der NSDAP handelte, der sich  aber nichts zuschulden kommen lassen hatte.

Er und sein noch minderjähriger Sohn hatten sich, bevor die Russen das Gehöft betraten, im Wald versteckt. Nur die Ehefrau wusste, wo sich die beiden versteckt hielten. Da die Frau leugnete, den Aufenthaltsort zu kennen, wurde die Scheune samt allen Vorräten in Brand gesteckt. Alle Bewohner des Hauses, einschließlich Kinder, wurden vor die brennende Scheune getrieben. Dann wurde uns gedroht, uns ins offene Feuer zu treiben, wenn nicht innerhalb von einer Stunde das Versteck bekannt gegeben werde. Kaum einer hatte Zweifel daran, dass das auch geschehen würde. Die Angst und das Entsetzen waren uns von den Gesichtern abzulesen. Die Russen standen mit aufgepflanztem Bajonett im Halbkreis hinter uns. Ein Entweichen kam einem Todesurteil gleich. Wir Kinder klammerten uns an unsere Mutter, wie wir es auch bei anderen beobachten konnten. Ich kann mich nicht erinnern, dass jemand – den Tod vor Augen – geschrieen hat. In dieser brenzligen Situation sah seine Frau nur einen Ausweg: sie führte die bewaffneten Russen zu dem Versteck im Wald. Kurz zuvor hörten wir zwei Schüsse in einem Nebenraum der Scheune. Zwei Männer, die nicht aus unserem Ort stammten, aber auch Zuflucht auf diesem Gehöft gesucht hatten, waren erschossen worden. Unsere Bewacher schienen wohl fest entschlossen, ihr angedrohtes Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Nach gut einer Stunde kehrte die Bauersfrau zurück – mit ihrem Sohn, aber ohne ihren Mann. Er wurde sofort an Ort und Stelle von einem Russen erschossen. Der Tod dieses Mannes rettete zunächst uns allen, die wir vor der brennenden Scheune standen, das Leben. Wir verbrachten noch einige Woche auf diesem Anwesen. Einige Mutige schlichen sich in unregelmäßigen Abständen ins Dorf. Einmal, um Lebensmittelvorräte heranzuholen, zum anderen aber auch, um das zurückgelassene Vieh in den Ställen notdürftig zu versorgen. Gefahr drohte von allen Seiten, als Einzelgänger erschossen zu werden.

Im Laufe der Zeit beruhigte sich die Situation. Immer wieder tauchten Trupps von Russen auf. Vor Vergewaltigungen waren junge Frauen nie sicher. Entweder sie versteckten sich kurzerhand, falls dazu noch Zeit blieb, oder sie versuchten mit allen möglichen Tricks, sich durch Verkleidung ein altmütterliches Aussehen zu verschaffen. Heute geht man den umgekehrten Weg. Die Umstände prägen das Erscheinungsbild.

Nach einigen Wochen kehrten wir also wieder in unsere Häuser in Pinnow zurück. Die russische Front hatte sich Tag für Tag immer weiter nach Westen verlagert. Widerstände der deutschen Wehrmacht waren kaum spürbar, von einigen größeren Orten, wie beispielsweise Kolberg, einmal abgesehen. In den Folgemonaten rückte die polnische Miliz nach, z.T. auch schon die ersten polnischen Familien, die aus Ostpolen in die deutschen Ostgebiete umgesiedelt wurden. Auch die polnische Miliz hatte das Bedürfnis, sich für vielfältige Gräueltaten der SS oder spezieller Kommandos revanchieren zu müssen. Es blieb aber überwiegend bei Schikanen jeglicher Art. Aus der Situation heraus betrachtet, war das Vorgehen der Polen verständlich . Während des Krieges wurden bekanntlich viele Polen zum Arbeiten – bei uns vorwiegend in der Landwirtschaft – nach Deutschland gebracht. Ein Teil blieb nach dem Einmarsch der Russen dort ansässig, galten jetzt aber als die neuen Besitzer und Herren auf den Höfen, die ja z.T. von den Geflüchteten zurückgelassen wurden.

Ein Pole, der bis 1945 für verschiedene Dienstleistungen herangezogen wurde, wurde jetzt als „Bürgermeister“ eingesetzt. Ein Vorteil für uns, da wir ihn zuvor nie als Menschen zweiter Klasse behandelt hatten. Ein Beispiel mag dieses verdeutlichen: von meinem Vater besaßen wir noch ein Luftgewehr, einen sogen. Tesching. Es war lebensgefährlich, wenn ein Deutscher noch Waffen sein eigen nannte. Dessen bewusst, wollte mein Großvater das Gewehr in einen Wassergraben werfen. Dies war einem Russen aufgefallen, und er wollte ihn sofort standrechtlich erschießen. Nur dem neuen Bürgermeister, den meine Mutter sofort hinzuholte, war es zu verdanken, dass mein Großvater mit dem Leben davon kam. Ein polnischer Zivilist „triumphierte“ über einen russischen Soldaten! Für mich als Kind eine unvergessliche Begebenheit.

Für einige Deutsche wurden die unzähligen Viehtriebe zum Verhängnis. Das in den Ställen verbliebene Vieh (Kühe und Schafe) wurde zusammengetrieben zum Abtransport Richtung Osten. Zu diesem Zweck wurden laufend Viehtreiber gesucht. Auch Jugendliche und ältere Männer wurden ohne viel Worte „zwangsverpflichtet“. Viele von ihnen kehrten nie wieder zurück!

Auch ein Großteil der Tiere blieb im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke. Eine sinnlose Tat zur damaligen Zeit. Wie bestritten wir von 1945-1947 unseren Lebensunterhalt?

Schulunterricht für deutsche Kinder gab es nicht. Bei einem polnischen Bauern verdienten meine Mutter, mein Bruder und ich unser Brot. Als Lohn gab es ausschließlich für den Tag Essen und Trinken sowie Naturalien als Lebensunterhalt für die Zeit zu Hause. Ich als Zehnjähriger wurde „Cowboy“, besser Hütejunge ohne Pferd. Zeitweise eine recht angenehme Tätigkeit. Dennoch war uns allen bewusst, dass wir die Heimat einmal verlassen müssten. Wir lebten jetzt in einem polnischen Staatsgebiet. Eine Alternative zur Vertreibung war die Annahme der polnischen Staatsangehörigkeit. Aber das wollte praktisch niemand.

Dem Druck der Behörden folgend, machten wir uns noch im Jahre 1945 auf den Weg Richtung Westen, ausgerüstet so ähnlich wie vor dem Einmarsch der Russen im Februar/März. Aber wir kamen nicht weit. Nach ca. 30 km traten wir wieder den Rückmarsch an. Mein Großvater war tief in Pommern verwurzelt. Begraben sein wollte er nur dort. Hinzu kamen aber auch die Not, das Elend auf der Straße und die weite Reise mit Fuhrwerk oder auch Handwagen in eine ungewisse Zukunft. Überschwänglich vor Freude über unsere unerwartete Heimkehr wurden wir nur durch unseren Hund, der sich schon im Hause aufhielt, empfangen. Hatte er doch schon vor uns den Gang nach Hause wieder angetreten – alleine! Ein gutes Omen?

Darüber entschieden die nächsten Jahre bis August 1947. So verblieben wir zwei weitere Jahre mit anderen Pinnowern, die ebenfalls den Heimweg angetreten hatten, in unserem Heimatort unter polnischer Verwaltung. Weitgehend hatten sich die verbliebenen Deutschen mit den neu angesiedelten Polen arrangiert. Kein freundschaftliches Verhältnis, aber ein erträgliches Nebeneinander. Mein Großvater erteilte einigen der zurückgebliebenen deutschen Kindern privat bei uns im Haus Unterricht. Das war offiziell nicht erlaubt – aber unsere ehemalige Volksschule durften wir nicht besuchen. Sie diente jetzt ausschließlich der Unterrichtung polnischer Kinder.

Im August des Jahres 1947 versuchten wir nicht zu flüchten – wir wurden vertrieben. Innerhalb einer guten Stunde hatte wir mit einem Handgepäck das Haus zu verlassen. Das Ziel war unsere Kreisstadt Regenwalde, ca. 20 km von Pinnow entfernt. Alte gebrechlichen Leute wurden gefahren, alle übrigen gingen zu Fuß. In Regenwalde wurden wir sofort in Güterwagen verfrachtet: ca. 15 Personen in einem Waggon. Transporte, wie sie auch aus der Judendeportation bekannt sind. Eine menschenunwürdige Unterbringung für 14 Tage. Das Ziel der Reise erfuhren wir erst kurz vor unserer Ankunft. Der Zug fuhr über Stettin – Posen – Wittenberg nach Magdeburg.

Verpflegung gab es nur unregelmäßig durch das DRK, wenn der Zug auf einem Bahnhof anhielt. Es kam auch vor, dass wir für 1 oder 2 Tage von der Lok abgekoppelt wurden. Kam der Zug unterwegs vor einem Haltsignal mal zum Stehen, sprangen die Menschen aus den Waggons, um auf den Feldern etwas Essbares zu ergattern oder um auch ihren natürlichen Bedürfnissen nachzukommen. Es kam auch öfter vor, dass einzelne Wagen verschlossen wurden, um Fluchtversuche zu vereiteln. Wo bleibt der Unterschied zu einem Gefangenentransport? Geschlafen haben wir auf unserem Gepäck, notdürftig in Decken, soweit vorhanden, gehüllt.

Bekanntlich wurde nach dem Krieg in der sowjetisch besetzten Zone damit begonnen, bei doppelgleisigen Bahnstrecken ein Gleis zu entfernen. Es handelte sich um eine der vielfältigen Reparationsleistungen, die Deutschland nach dem verlorenen Krieg zu leisten hatte.

In Magdeburg angekommen, wurden wir nach einer Entlausungsaktion in Barackenlagern untergebracht. Wanzen machten uns nachts das Leben schwer. Sie verließen die Ritzen in den Holzdecken und Bettgestellen, sobald die Beleuchtung ausgeschaltet wurde. Eine regelmäßige, wenn auch sehr dürftige Verpflegung, war in den nächsten 2 Wochen gewährleistet. Das Leben war erträglicher geworden, gemessen daran, was wir in den vergangenen 2 Wochen im Viehwaggon erdulden mussten.

Fazit von Flucht und Vertreibung: ca. 12,5 Mill. Menschen haben bzw. mussten die ehemaligen Gebiete des Deutschen Reichs – Ostpreußen, Pommern, Schlesien und Sudetenland – verlassen. Hinzu kommen noch die Bewohner deutscher Abstammung aus Westpreußen und der Provinz Posen. Dabei kam fast jeder 4. Bewohner auf der Flucht, durch Vertreibung, Verfolgung oder Verschleppung ums Leben.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.