Taubenzüchter Georg Wichert gewinnt 1936 Olympia-Gold

Mein Großvater Georg Wichert, geb. 1900, war begeisterter Taubenzüchter und gewann mit seinen Tauben einige Wettbewerbe. Er war Mitglied im Schleswiger Taubenzüchterverein Schleibote. Der größte Erfolg war sicherlich die Gold-Medaille bei der Olympiade 1936 in Berlin.

Dr. Heinrich Mackrott, geb. 1926 (?), Ehrenmitglied im Taubenzüchterverein Heimatliebe und Autor von zahlreichen Fachbüchern, hatte 2001 sehr ausführlich über die Brieftaubenhaltung in der Zeit von 1913 bis 1954 in Schleswig berichtet. Aus seinem Bericht zitiere ich die Stellen, die mit meinem Großvater zusammenhängen:

„(…) Schräg gegenüber von unserem Haus Lollfuß 81a wohnte Georg Wichert im Lollfuß 92 mit seiner Ehefrau Erna, geb. Stumpff. Sein Schwiegervater Carl Stumpff hatte eine Tischlerei betrieben, und so besaß er im Hinterhaus große Räumlichkeiten, die am hinteren Ende ideal für einen Taubenschlag mit Ausflug nach dem Süden geeignet waren. Er war bereits aktiver Züchter seit dem Jahre 1932 und Mitglied des Vereins Schleibote 02352.

Im Frühjahr 1936 suchte ich ihn auf und fragte ihn, ob er mir wohl ein Paar Jungtiere abgeben könne, die auch bekommen habe. Da ich keine Konstatieruhr hatte, habe ich bei ihm jahrelang konstatiert. Wenn bei mir später eine Taube vom Wettflug kam, musste ich also immer von meinem Schlag die Leiter herunterspringen, über das Grundstück und die Straße laufen und bei Wicherts dreimal eine Treppe hinauflaufen, bis ich oben am Schlag bei der Konstatieruhr war. Doch damals spielten Minuten bei der Rückkehr noch keine Rolle, zumal alle Flüge stundenlange Konkurszeiten hatten. (…)

Bei Georg Wichert habe ich dann die ersten Wettflüge miterlebt. Sein Täuber mit der Ringnummer 02352-32-215, gehämmert und dessen Sohn mit der Nummer 02352-33-372, stahlblau (schali), siegten auf allen Strecken. Sie wurden von mir bewundert, zumal sie von Münster, Soest, Rheydt, Friedberg und Heidelberg prompt heimkamen. In einem Jahr, es war wohl das Jahr 1937, wurde Georg Wichert mit insgesamt 12 RV-Preisen in Schleswig RV-Meister.

Im August 1936, ich war noch nicht ganz 10 Jahre alt, fand das seit Monaten angekündigte größte Weltereignis, die XI. Olympischen Spiele in Berlin statt. Es hieß, dass zur Eröffnung der Olympischen Spiele Brieftauben aus allen Teilen Deutschlands im Olympiastadion während der Eröffnungsfeierlichkeiten aufgelassen werden. Alle Züchter, die meine Tauben sahen, bewunderten meinen rotgehämmerten Täuber 07209-32-137. Ich fasste mir mein Herz und meldete ihn zum Einsatz für den Olympiaflug bei Otto Hinrichsen mündlich und schriftlich an. (…)

Die Tauben wurden am Donnerstagsmorgen von 6 bis 7 Uhr in unserer Einsatzstelle, der Strandhalle, bei August Jochimsen, eingekorbt. Insgesamt wurden 48 Tauben eingesetzt. Das ergab 12 Wettflugpreise (25 %). Anschließend mussten wir zwei Transportkörbe auf einer einachsigen Handkarre zu Fuß zum Hauptgüterbahnhof (ca. 5 km) im Stadtteil Friedrichsberg bringen, von wo die Tauben als Frachtgut zum Bahnhof Berlin-Spandau geleitet wurden. Ich konnte mithelfen, die Tauben zum Bahnhof zu bringen, da gerade Sommerferien waren und ich nicht um 8 Uhr in der Schule sein musste.

Wenn ich mich recht erinnere, wurden die Tauben im Olympiastadion gegen 9.30 Uhr aufgelassen. ich habe den Auflass mehrfach in der Wochenschau und in Filmzusammenstellungen (…) gesehen. Nach einem flotten Flug konnte Georg Wichert seinen 215 als ersten konstatieren und kurz darauf kam das zweite Tier. Etwa eine halbe Stunde später kam Wilhelm Petersen, Hesterberg 31, keuchend mit einem Gummiring einer Olympiataube zum Konstatieren angelaufen. Der Flug verlief schnell und glatt.

Bei der Auswertung am Abend in der Strandhalle stellte sich heraus, dass Georg Wichert die beiden schnellsten Tauben eines Schlages konstatiert hatte und damit die Goldmedaille erhielt.(…)

Meine 137, vierjährig, und ohne Wettflugerfahrung, fehlte am Abend immer noch. Aber als ich am nächsten Tag gegen 13.30 Uhr nach dem Mittagessen nachsah, saß er in einem Nest.(…)“

Der Verband deutscher Taubenzüchter e.V. erwähnt auf seiner Webseite ebenfalls das Ereignis zur  Olympiade 1936.

2 Gedanken zu „Taubenzüchter Georg Wichert gewinnt 1936 Olympia-Gold

  1. Thomas Lippert Antworten

    Guten Tag, als Olympiainteressierter bin ich auf Ihre Seite gestoßen. Speziell ging es mir um die Eröffnungszeremonie und dabei die Brieftauben. Irritierend ist die SEHR unterschiedliche Zahl der Tauben, die anlässlich der Eröffnung fliegen durften.
    Aber zu dem Text: Die Uhrzeit am Morgen läst vermuten, dass es mehrere Brieftaubenwettbewerbe gab, der erwähnte Aufstieg also nichts mit der Eröffnungsfeier zu tun hatte, die ja erst am Nachmittag begann.
    Zum anderen bin ich irritiert über die headline: Goldmedaille. Olympische Medaillen wurdne dafür nicht vergeben. Um was für eine Medaille hat es sich gehandelt? Vom Dachverband der Taubenzüchter?
    Wissen Sie etwas zu brieftaubenpost (pigeongramme) aus diesem Anlass?

    Mit besten Grüßen
    Thomas Lippert

  2. Georg Autor des BeitragsAntworten

    Hallo Herr Lippert,
    vielen Dank für Ihr Interesse an diesem Beitrag!

    Im o.g. Link des Verbandes deutscher Taubenzüchter e.V. (http://web.brieftaube.de/brieftaubenwesen/geschichte.html) steht: „Am 1. August fanden die Olympia-Flüge anlässlich der Eröffnung statt. Über 100.000 Tauben aus dem gesamten Verbandsgebiet waren beteiligt, dazu 5.000 Tauben aus elf benachbarten Ländern.“

    Ihr Hinweis bezüglich des Eröffnungszeitpunktes war mit tatsächlich nicht bekannt.

    Ich glaube auch nicht, dass es tatsächlich eine Goldmedaille gab – hier habe ich nur den Bericht zitiert. Mein Vater berichtet, dass es wohl eine Medaille aus Holz war, die es für den ersten Preis in diesem Wettbewerb gab, aber leider ist diese Medaille nicht mehr auffindbar. Vermutlich ist es so, wie Sie es schreiben, dass diese Medaille vom Dachverband vergeben wurde.

    Zur Brieftaubenpost kann ich leider keine weiteren Informationen liefern.

    Mit besten Grüßen
    Georg Wichert

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