Flucht und Vertreibung aus Pinnow 1945 – 1946, Bericht von Lore Schmitt, geb. Kurth

Lore Kurth (verh. Schmitt), geboren in Pinnow im Kreis Regenwalde, hatte 2018 sich dazu entschlossen, die Geschichte der Vertreibung ihrer Eltern Emil und Herta Kurth (damals 44 und 45 Jahre alt) und ihrer Geschwister Horst (12 Jahre) und Charlotte (16 Jahre)  vom Charlottenhof (Pinnow) am Ende des Zweiten Weltkrieges aufzuschreiben, die sie selbst als 10-jährige erlebt hat. Sie führte dazu auch Gespräche mit ihrem Bruder Horst Kurth, dem Vater meiner Frau Andrea. Nachfolgend die Geschichte, die sie uns im April 2018 handgeschrieben zur Verfügung stellte:

„Es ist der 3. März 1945. Die Bevölkerung wird aufgefordert, sich für die Flucht vorzubereiten. Meine Eltern haben einen Leiterwagen – bespannt mit einem großen Teppich – voll beladen mit den wichtigsten Sachen und Esswaren. Sie warten auf den Befehl, dass sie losfahren sollen. Endlich kommt die Mitteilung, dass sie fahren sollen. Wir verlassen unseren Bauernhof in Richtung Reichsstraße 2. Ich fange an zu weinen und möchte zu Hause bleiben. Leider geht das ja nicht.

Als wir die Reichsstraße erreichen, müssen wir feststellen, dass die Straße vom Militär voll besetzt ist und man niemand in den fließenden Verkehr reinlässt. Der in der Nähe liegende Flugplatz wurde geräumt. Dadurch ist die Straße voll belegt. Meine Eltern beschließen – nachdem sie sich mit Verwandten beraten haben – wieder auf unseren Hof zurückzukehren.

Zu Hause angekommen stellt sich die Sorge meiner Eltern um unsere Schwester Charlotte ein, denn sie ist erst 16 Jahre alt und würde – sollte uns das russische Militär besetzten – sicher nicht vor Vergewaltigungen verschont bleiben. Meine Eltern treffen sich mit Verwandten und beschließen gemeinsam, dass Irmgard, eine Cousine unserer Mutter, und eine Bekannte „Renate“, die beide über 20 Jahre alt sind, zusammen mit unserer Schwester mit Fahrrädern flüchten sollen. Schnell wird das Nötigste eingepackt. Nach am gleichen Abend fahren die jungen Frauen mit den Rädern über Landwege und Nebenstraßen zur Küste gen Westen.

Unser 18-jähriger Bruder Heinz ist als Soldat an der Westfront eingesetzt, was er allerdings nicht schreiben darf. Er schrieb uns mal auf einer Karte: „…mir geht es so gut wie Gott in Frankreich…“.

Am 3. März 1945, morgens um 3 Uhr, hören wir den Lärm von Sprengungen. Wir sehen aus dem Fenster und in der Ferne ist eine große Flamme zu sehen. Es ist der Flugplatz, von dem die Sprengungen zu hören und die Flammen zu sehen sind.

Am 4. März 1945, um die Mittagszeit, erreichen die russischen Soldaten unser Dorf. Einige Tage später müssen wir auf Anordnung der Polen unseren Hof verlassen und mit allen anderen Bewohnern im Dorf übernachten, tagsüber dürfen wir wieder auf unseren Hof zurück. Das geht nicht lange gut. Da unser Dorf an der Hauptstraße liegt, werden viele Frauen von den russischen Soldaten belästigt und vergewaltigt. Wir dürfen wieder auf unseren Hof zurück und dort bleiben. Einige Dorfbewohner kommen mit zu uns, um hier etwas mehr Ruhe zu finden.

Nach einigen Tagen, als die russischen Soldaten unser Dorf schon besetzt haben, kommen etwa 150 deutsche Soldaten zu uns auf den Hof zum Erholen und Essen. Es wird ein großer Kessel mit Kartoffeln gekocht, in dem sonst die Kartoffeln für die Schweine gekocht werden. Die Offiziere bekommen natürlich Brot und gebratene Eier. Sie bieten unserem Vater an, uns mitzunehmen. Die Polenfamilie wollen sie erschießen, damit sie nicht verraten kann. Das lehnt unser Vater ab. Nachdem die Soldaten sich einigermaßen erholt und gegessen haben, ziehen sie Richtung Oder wieder weiter. Nach einigen Tagen kommen nochmals 50 deutsche Soldaten zu uns auf den Hof zum Essen und Ausruhen. Auch sie ziehen dann schnell wieder weiter, um bald die Oder zu erreichen.

Unser Bürgermeister August Duckerow ist auf dem Hof von unserem Onkel Emil [Köhler] untergekommen, weil auch dieser Hof etwas von der Hauptstraße entfernt liegt. Doch auch dort erscheinen die russischen Soldaten. Ein Russe befiehlt ihn, etwas aus der Scheune zu holen. Er muss sich bücken, um ein bestimmtes Teil aus dem Häcksler zu holen. Während er sich bückt, schießt ihn ein Russe zweimal in den Hals. Doch er hat Glück und überlebt. Er kommt dann zu unseren Eltern auf den Hof. Doch auch hier erscheinen die russischen Soldaten. Viele Frauen binden sich schwarze Kopftücher um und beschmieren das Gesicht, damit sie älter aussehen und in Ruhe gelassen werden.

Eine bekannte junge Frau versteckt sich bei uns in der Räucherkammer. Der Vater ist so aufgeregt, nachdem er vorher mit den Polen und Russen Alkohol trinken musste, dass er erwähnt, dass seine Tochter in der Räucherkammer sitzt. Es passiert aber nichts – sie sind wohl schon alle sehr stark betrunken.

Mein Cousin Rudi [Kurth] wurde im Februar konfirmiert und hatte eine Armbanduhr bekommen, die ihm ein Russe, als er die Uhr sieht, sofort wegnimmt. Aber ein weiterer Russe will auch eine Armbanduhr von ihm, die er leider nicht hat. Daraufhin will der Russe ihn erschießen. Er hat aber Glück, dass ein anderer Russe dazwischen geht und ihm damit das Leben rettet. Ein anderer Russe hat den ganzen Arm voller Armbanduhren.

Aber es gibt auch nette Russen. Ein junger Russe fährt zur Mühle und holt uns einen Sack Mehl. Ein anderer Russe legt meine Puppe ins Ehebett und deckt sie zu. Er ruft uns, dies mit anzusehen. Er freut sich sehr über diesen Spaß.

Doch dann kommt wieder ein ganz schlimmer Tag für alle Dorfbewohner. Alle im Dorf noch lebenden Männer sollen in ein Lager gebracht werden. Als unser Onkel Paul davon erfährt, verstecken er und einige Männer sich im Wald. Der Wald grenzt direkt an das Grundstück unseres Onkels. Als die Männer nicht wieder freiwillig aus dem Wald hervorkommen, zündet man die Scheune meines Onkels an. Als das auch nichts nützt, gehen die Polen mit meiner Tante auf einen Hügel, der vom Wald aus gut zu sehen ist, und schlagen sie. Daraufhin rufen sie: „Kommt aus dem Wald hervor!“. Die Männer kommen dann und werden verhaftet und an einen für uns unbekannten Ort gebracht. Auch unser Vater wird an diesem Tag mitgenommen.

Doch für uns muss das Leben irgendwie weitergehen. Unser Pole, Sohn Ladislaw und mein Bruder Horst fahren zum Flughafen, um Kohle zum Heizen zu holen. Die beiden Jungen fangen dann noch Angora-Kaninchen, die während des Abzugs der deutschen Soldaten freigelassen wurden.

Dann sollen alle Kühe, die sich noch im Ort befinden, gen Osten getrieben werden. Unsere Tante Lena und mein Bruder Horst müssen dabei helfen. Als die Kühe durch ein Kleefeld kommen, essen sie sich erstmal satt. Diese Zeit nutzt mein Bruder und versteckt sich im hohen Klee und läuft von dort aus nach Hause.

Am 27. Juni 1945 beginnt die Vertreibung aus unserem Heimatdorf Pinnow. Wir müssen innerhalb einer halben Stunde im Dorf sein. Mitnehmen darf jeder, so viel er tragen kann. Dann müssen wir zu Fuß Richtung Oder gehen. Begleitet werden wir immer von polnischen Soldaten mit Maschinengewehren. Zur Warnung schießen sie auch mal in die Luft. Am Ende der Kolonne fahren sie mit einem Pferdewagen hinter uns her. Sie sammeln die Sachen auf, die viele vor Ermüdung und Kraftlosigkeit nicht mehr tragen können und am Straßenrand liegen lassen.

Wir übernachten das erste Mal in Muddelmow. Am nächsten Morgen geht es dann wieder weiter in die gleiche Richtung. Es wird immer in leerstehenden Häusern übernachtet. Davon gibt es damals sehr viele.

Unser Weg führt uns durch ein Waldgebiet mit verbrannten Bäumen und verdorrtem Gras. Hier liegen einige ausgebrannte Wagen, tote Menschen und tote Pferde. Menschen, die hier auf der Flucht waren, mussten ihr Leben lassen.

Kurz vor unserem Ziel, der Swine, sollen wir unsere Sachen auf einem Hügel abstellen und uns im Tal versammeln. Die meisten Vertriebenen tun das auch. Doch leider darf niemand wieder auf den Hügel zurück. Die wenigen Sachen, die wir alle noch hatten, sind für uns somit auch noch verloren.

Als wir die Swine überqueren, liegt im Wasser ein toter russischer Soldat, total dick aufgeschwemmt.

Uns Dreien hatte sich in Pinnow ein junger Mann angeschlossen, die sich so lange auf unserem Hof versteckt gehalten hatte. Es sollte so aussehen, als sei er unser Bruder, damit er keine Schwierigkeiten bekommt. Er war vor den deutschen Soldaten geflüchtet und hatte sich Zivilkleidung besorgt. Als wir mit ihm unterwegs waren, fand er eine kleine Schubkarre aus Holz, auf der wir einen Teil unserer Sachen legen konnten. Die Karre hatte er dann für uns geschoben.

Dieser junge Mann stammt aus Westfalen. Er begleitet uns bis Swinemünde. Dort verabschiedet er sich von uns und fährt mit dem Zug in Richtung Heimat (Westfalen).

Als wir durch Swinemünde durch sind, bietet man uns allen eine Scheune zum Übernachten an. Hier bleiben wir drei Tage. Dann fahren wir mit dem Zug nach Greifswald. Hier wird mein Cousin Rudi krank und kommt ins Krankenhaus. Es stellt sich heraus, dass er an Typhus erkrankt ist. Deshalb bleiben meine Tante Klara und Cousin Jürgen in Greifswald. Sie bekommen eine Unterkunft bei Bauer Gäde in Hinrichshagen bei Greifswald. Wir drei fahren erstmal weiter bis Stralsund, denn wir wollen ja alle zur Insel Rügen. Doch leider wird nichts daraus, denn hier werde ich krank und muss in Stralsund ins Krankenhaus.

Meine Mutter und mein Bruder Horst fahren nach einigen Tagen nach Greifswald zurück, um in der Nähe meiner Tante eine Unterkunft zu suchen. Meine Mutter und mein Bruder bekommen ein Zimmer bei Frau Bernstein. Unsere Mutter arbeitet Bauer Bulz für Essen und Trinken. Nach etwa vier Wochen kann ich das Krankenhaus in Stralsund verlassen. Meine Mutter holt mich ab, und wir fahren nach Hinrichshagen bei Greifswald. Zu Schule gehen mein Bruder und ich hier nicht. Nach kurzer Zeit werde ich nochmals krank. Ich muss aber nicht wieder ins Krankenhaus. Ein Hausarzt behandelt mich. Nachdem ich wieder gesund bin, fallen mir sämtliche Haare aus, anschließend bekomme ich lockiges Haar. Wahrscheinlich hatte ich Typhus wie mein Cousin Rudi.

Bis zum Herbst 1945 bleiben wir in Hinrichshagen. Dann holt uns unser Vater ab, um mit uns in unsere Heimat zurückzukehren. Unser Vater war inzwischen aus dem Lager bei Schneidemühl entlassen worden. Wir fahren mit dem Zug bis zur Grenze, um diese offiziell zu überqueren, denn mein Vater hat eine Erlaubnis dafür. Doch offiziell lässt man uns nicht zur anderen Oderseite. Dann bietet uns ein Fischer an, uns gegen Bezahlung bei Dunkelheit mit dem auf die gegenüberliegende Seite zu bringen. Dieses Angebot nehmen meine Eltern dankend an. Auf der anderen Seite angekommen, marschieren wir dann im Dunkeln immer an der Küste entlang und übernachten in leerstehenden Häusern. Uns schließt sich eine junge Frau an, die sich mit uns etwas sicherer fühlt.

Zu Fuß gehen wir am Strand weiter bis zur nächsten Ortschaft. Von hier können wir dann mit dem Zug weiteren nach Greifenberg fahren. Von Greifenberg gehen wir dann wieder zu Fuß bis zu unserem Hof, der uns offiziell eigentlich nicht mehr gehört.

Zu Hause angekommen, überlässt uns die Polenfamilie das ehemalige Schlafzimmer meiner Eltern für uns vier. Auf dem Hof lebt noch die gleiche Polenfamilie (Vater, Mutter, eine Tochter Verenischka, ein Sohn Ladislaw), die man uns während des Kriegen für die Arbeit zugeteilt hatte. Unser Vater arbeitet auf dem Hof wir früher. Unsere Mutter kocht für uns un die Polenfamilie, weil die Polin nicht gerne kocht. Essen und Trinken haben wir genug. Mein Bruder oder unser Vater fangen manchmal Wildkaninchen, die wir dann alle gemeinsam essen. Den Winter überstehen wir dort alle gut.

Am 19. März 1946 kommt dann die endgültige Ausweisung für unsere Familie aus unserem Heimatdorf. Bis Regenwalde müssen wir zu Fuß gehen und werden dann in einem Vieh-Waggon untergebracht. Der Zug fährt bis zur Grenzstation. Hier bekommen wir etwas zu essen und zu trinken. Dann werden alle Mitfahrenden entlaust.

Von dort aus geht es dann mit dem Zug weiter nach Kiel bis zur Eckernförder Chausee. Nach kurzer Zeit werden wir ins Lager Kählen am Kuckucksberg verlegt. Hier leben wir in einem Raum von 48 Quadratmetern mit mehreren Personen zusammen. Von hier gehen wir Kinder nach langer Zeit wieder zur Schule, und zwar zur Iltis-Schule nach Gaarden. Da für den ganzen Raum nur ein Tisch zur Verfügung steht, mache ich meine Schularbeiten auf einem Sperrholz-Brett, das ich auf meine Knie lege. Wir schlafen alle auf einer Strohunterlage mit einer Wolldecke bedeckt. Mein Bruder Horst hat das Glück, dass er während der Schulferien unsere Schwester Charlotte auf der Insel Fehmarn besuchen darf. So kann er sich nach langer Zeit mal wieder satt essen. Unsere Schwester wurde nach der Flucht mit dem Fahrrad auf der Insel Fehmarn bei der Bauernfamilie Rießen als Kindermädchen beschäftigt. Sie darf unseren Bruder in den Ferien zu sich einladen – einschließlich Unterkunft, Essen und Trinken. Dies ist für unsere Familie eine sehr große Hilfe.

Nach einigen Monaten werden wir ins Barackenlager Elmschenhagen (Ortsteil von Kiel) verlegt. Hier kommen wir mit mehreren Personen in einem Raum unter. Aber es hat hier schon jeder sein eigenes Bett.“

 

 

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